Annegret Leiner

ANNEGRET LEINERS "COLLI / USIONEN"

Ernest W. Uthemann

In: Annegret Leiner. COLLI / USIONEN. Neue Zeichnungen. BMW Niederlassung. Saarbrücken 2000

[...] In ihren neuen Arbeiten verwendet Annegret Leiner Fragmente einer anderen Wirklichkeit, Ausrisse aus Großplakaten nämlich, die sie in die Gouache- und Ölkreidezeichnungen collagiert.

Die Künstlerin bezieht so die mächtigste Bildwelt der Gegenwart in ihre Werke ein: die der Werbung. Zwar kaschieren die von ihr gewählten „Ausschnitte“ das beworbene Produkt; zwar tritt in vielen Fällen selbst die Abbildlichkeit der Plakate hinter einer bildnerisch-formalen Funktion zurück, doch schon das Raster des Drucks macht die Herkunft der Fragmente unmißverständlich klar. Jenseits der ihnen von Annegret Leiner zugedachten Rolle als „Auslöser“ eines gestalterischen Ansatzes repräsentieren die Plakatfragmente einen Bereich, in dem Bilder ihre Existenz vor allem außer- ästhetischen Absichten verdanken, und mehr noch: einen Bereich, in dem Gestaltung des äußeren Anlasses bedarf. Diesen polaren Gegensatz zum Mythos des aus dem „Innern“ zu schaffenden Kunstwerks bringen die Plakate in Entstehung und Erscheinung der Zeichnungen / Collagen mit ein.

Annegret Leiner „spielt“ mit den Fragmenten auf unterschiedliche Weisen. Hier nimmt die Zeichnung Formen des Plakatausrisses auf, führt sie fort und ergänzt sie; dort kontrapunktiert nervöses Lineament die kühle Glätte des Drucks. Hier dringen Gouache-Schlieren in die collagierten Zonen ein; dort umgrenzen balkenstarke Pinselzüge ein Areal als Gegengewicht zu den Farbflächen der Plakatmotive. Hier überlagert Transparentpapier die Ausrisse, dämpft ihre Buntheit; dort wird dieser mit dem Kontrast von Schwarz und Weiß entgegengesteuert. Annegret Leiners neue Zeichnungen verlassen das Feld der rein formalen Auseinandersetzung mit dem „gefundenen“ Material. Zusammenspiel und Zusammenstoß („COLLI / USIONEN“) zweier Bildwelten erzeugen ein Gleichnis vom Umgang (dem tatsächlichen wie einem möglichen) mit der knalligen, aufdringlichen Werbewelt.

Ausreißen, Überzeichnen, Verhüllen relativieren den Wirkungsgrad der Plakate, „kratzen“ lustvoll an ihren suggestiven Absichten. Die Zeichnung tanzt ironisch um die kaltglänzenden Flächen, auch jedoch wie um ein „Goldenes Kalb“.

Das Transparentpapier gerät zum Symbol einerseits der in der Werbung immer häufiger kaschierten Absicht, etwas zu verkaufen, wie andererseits der Notwendigkeit, diese Zwecke zu durchschauen.

Die Ambivalenz in der Wahrnehmung einer unsere Umgebung beherrschenden Bilderflut wird zum Thema von Annegret Leiners Zeichnungen - als Aufforderung auch, uns nicht im Dschungel der Werbung zu verlieren, sondern uns - auf welche Art auch immer - ihr gegenüber aktiv, kreativ zu verhalten.

In: Annegret Leiner. COLLI / USIONEN. Neue Zeichnungen. BMW Niederlassung. Saarbrücken 2000