Annegret Leiner

Notizen zur Arbeit von Annegret Leiner

Ingeborg Koch-Haag

In: Annegret Leiner. Zeichnungen 1990 – 1998. Hg. Stiftung Demokratie Saarland. Saarbrücken 1998

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Dazu einige Behauptungen:

1. Annegret Leiner malt realistisch. Das Malen ist bei ihr ein Zeichnen ist ein Malen. Sie malt, was sie sieht, wie das ja auch Manet von sich behauptete. Sie malt eine Verwandlungswirklichkeit, wie das die Psychologen nennen, und setzt sich damit ab von einem historischen Realismus, der einen eher positivistischen Bezug zur Dingwelt pflegt oder die Dinglichkeit selber ins Bild setzt. Ihre Bildgegenstände verhalten sich selbstreferentiell auf die eigene Realität bezogen, wo sie einander wie alte Bekannte begrüßen. Sie ziehen den Hut, ohne groß weitere Worte zu verlieren. Und trotzdem spielt in diesem Kosmos von gezeichneten Figuren jede von Ihnen eine mehr oder minder festgeschriebene Rolle, die sich aus der formalen Qualität ableitet. Da gibt es harsches Lineament und watteweiche Strich-pölsterchen, da kreuzen und queren knorpeldicke Pinselhiebe und sacken erschreckt zur Seite, wenn es die Bildregie so will. Da vertrödelt sich eine ermattete Farbspur und ruht aus an einem behäbigen Ast. Daß der womöglich aus einem Stück Packpapier gerissen wurde, führt auf eine zweite Wirkungs-Ebene von Wirklichkeit.

Realistisch an Annegret Leiners Vorgehensweise ist - wenn man so will -  das Zusammenlegen von „zwei seit der Antike einander bedingender Tendenzen ... zum einen die unorthodoxe, spontane Hinwendung zur Dingwelt, zum anderen die - daraus folgende -  Abkehr von ideologisch fixierten lnhalten“.1)  Vorausgesetzt allerdings, der ikonische Gehalt dieser Papierbahnen und Folien wird auch als Erzählung (über die Begegnung bildnerischer Elemente und ihre assoziative dingliche Verknüpfung) gelesen. Vorausgesetzt weiter, die grafischen Codes bestehen nicht nur auf ihrem Einzelkämpfertum, wollen mehr sein als nur Punkt und Linie und Fläche.

2. Annegret Leiner malt illusionistisch. Sie erfindet Räume, die vorher keiner erfunden hat und läßt darin Dinge passieren, die vorher nicht passiert sind. Ihre Räume verfügen über Tiefe und eine zugegeben eigenwillige Perspektive, doch das ist künstlerischer Spielraum. Der Illusionsgehalt besteht darin, daß sie uns glauben macht, wir hätten körperlich eine Art Bühne betreten, auf der hinter mehreren Vorhängen auf verschiedenen Stagen ziemlich lebhafte Ereignisse stattfinden. Da wird gestritten, aufeinander losgegangen, gekämpft, aufgegeben. Da ist ein Vorder-, Mittel- und Hintergrund und viele Passagen dazwischen, die sich überm Hinschauen mit immer weiteren Schemen und Schattenbildern bevölkern. Hier ein großes Getier, dort der Umriß eines Kopfes, der vexierbildartig verschwindet, will man ihn endgültig mit Bedeutung beschweren. Denn natürlich ist es kein Kopf, sondern die Allusion der Illusion, und die ist auch nur zufällig und auf dieser Wahrnehmungsschiene identisch mit einer biomorphen Erinnerung.

3. Annegret Leiner gehört in die Ecke der Informellen. Diese Malerei ist bestimmt von gestischen Schwüngen in der Folge von psychischen Sensationen, sie protokolliert Ist-Zustände des Bewußtseins und illustriert Stadien von innerer Annäherung an äußere Parameter. Das spontane, mehr affektiv als rational geleitete Übereinanderschichten von verschiedenen Bildträgern, auch Teilen davon, die glatten und rauhen Papiere, Pappstücke und transparenten Folien kanalisieren zwar den nicht gesteuerten Fluß der zeichnerischen Bewegung, doch hat die Künstlerin Erfahrung genug, das Gewollte mit akrobatischem Rückwärtsschwung wieder zu vergessen. Jedes dieser Tableaus erzählt mit narrativer Eindringlichkeit seine ganz persönliche Entstehungsgeschichte. Es sind Zeit-Bilder, in hohem Maße von der Prozeßhaftigkeit des Malvorganges abhängig, die Orchestrierung von Gemütszuständen der Autorin während des Tuns. Da wurde das Aufrichten und Verwerfen eines stabilen orthogonalen Zeichens notiert, welches der dahinterliegenden Schwebefigur etwas Halt gewährt hätte; da sind Verdruß und Mühe spürbar, eine nach links schwappende poröse Fläche wieder einzufangen; da zeugen Kampfspuren von der Hartnäckigkeit eines grauen Balkens, der nun mittendrin zur Balance gebracht wurde. Kurzum, da konstituieren die konkreten bildnerischen Elemente ihr eigenes Universum und sind keine verschlüsselten Paßworte für alltagstaugliche Gegenständlichkeit.

4. Was spricht dagegen, in den Arbeiten von Annegret Leiner ausdrücklich surreale Denkmuster aufzuspüren? Gestützt von der cartesianischen Behauptung, alles im Wachzustand Gedachte enthalte nicht mehr Wahrheit als die Trugbilder der Träume, entdecken wir (im Umkehrverfahren) eine Menge von Irrationalem und Präkognitivem in diesen bewußtseinsschichtenden und -geschichtlichen Bildern. Versatzstücke aus dem Vorder- und Hinterhaus ihrer Seele, jenseits der Vernunft heruntergeschrieben, von der Gestaltanalyse wie von einer Amme umsorgt. Was André Breton in den Zwanzigerjahren an die Stelle der rationalen Anschauung der Dinge stellte, nämlich die Kenntnis untergründiger Zusammenhänge auf einer halluzinativen Ebene, das funktioniert auch hier. Annegret Leiner gelingt das Herbeiholen von Erfahrungswerten aus einem anderen Bewußtseinszustand (der solch impulsiv gesteuertes Malen ja ist) in eine greifbare Welt von Bildern, in denen die ,,widersprüchlichen Bedingungen von Traum und Wirklichkeit in eine absolute Wirklichkeit“2) münden.

5. Annegret Leiner vertritt einen „Standpunkt der Idee“, wie das Zola nannte. Damit ist es ihr möglich, visionäre Interpretationen ihrer eigenen Realität zu geben und das für andere womöglich real nicht Existierende zusammen zu sehen. Und das geht so: in der Verschränkung und Verklammerung verschiedener - auch räumlicher - Wirkungsebenen durch Collagieren und Übermalen und sukzessives Hinzufügen/Entfernen verbirgt sich eine Metapher für die schwierig in Balance zu haltende Gleich-Gewichtigkeit intellektueller und emotionaler Kraft und auch Erregbarkeit. Das Zwei-Seelen-Ach!-Syndrom fand zur Sprache mit der zeitaufwendigen Methode, gegen den anderen (die andere) in der eigenen Person anzumalen. Weit davon entfernt, Kunst etwa als therapeutische Linderung zu begreifen, hat sich Annegret Leiner ungefähr das Schwierigste vorgenommen, was zu denken ist: Authentizität der Empfindung mit kollektiver Verständlichkeit zu verbinden, auf einer technisch und artistisch virtuosen Spielebene. Was dem Betrachter in diesen Bildkäfigen gleichzeitig begegnet, ist in Wahrheit das Ungleichzeitige und Widerläufige, das sich stationär versöhnt hat bei Fertigstellung der Arbeit. Und die ist eine am eigenen Selbstverständnis sich nährende und existentiell zehrende Schwerstarbeit. Weil da eine wie Parsifal nach einer gültigen Wahrheit und Wahrhaftigkeit bei der Niederschrift von komplexen Empfindlichkeiten, von Ängsten und Spannungen forschte. Weil ihr dabei zustieß, daß regelrechte Passionstafeln entstanden, angefüllt mit Leiden und Leidenschaft, wenn es mal wieder nicht gelingen wollte, trotz der neuerdings auftauchenden palisadenähnlichen Gerüste im Hintergrund ein ausponderiertes, von Spannung und Entspannung gleichermaßen geprägtes Endbild zu erzeugen. Die skripturale Entschlossenheit mancher Bildgeste verweist noch rückwirkend auf den schmerzlichen Verlauf des Machens: in den meisten Fällen hat die Zauberin mit apotropäischer Macht den Sieg davon getragen. Die Geister sind gebannt, die Antagonismen beruhigt, der Dialog zur Welt da draußen mag beginnen.

Anmerkungen

1) J. H. Müller, Aufsatz im Ausstellungskatalog: Realität. Realismus. Realität. Wuppertal 1972
2) André Breton, Surrealistisches Manifest, 1924

In: Annegret Leiner. Zeichnungen 1990 – 1998. Hg. Stiftung Demokratie Saarland. Saarbrücken 1998